„Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“

 

Roman

Die Hauptfigur, Wolfgang Fink, ist Lehrer in den sechziger und siebziger Jahren. Das Chaos in den Klassen macht ihm gewaltig zu schaffen. Er leidet langsam aber sicher an einem typischen Burnout.

Woran liegt es, dass ich mir vorkomme wie ein Uhrwerk, das man zerlegt hat und das dennoch funktionieren soll?

Nur Burnout gab es damals noch gar nicht. Man galt in so einem Fall nicht als krank. Und auch die älteren Kollegen, die noch durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert waren, ließ man mit ihren Traumen alleine. Gleichzeitig entfremdet Fink sich immer mehr von seiner Frau Ute und Ute von ihm.

Ich selbst könnte nur stockend vorbringen, was mich bedrückt, am allerwenigsten wortreich am Bildschirm vor einem Interviewer. Meine Rede wäre mit Angst durchsetzt, zögernd, farb- und glanzlos und unscheinbar. Ich trage keine Plakate vor mir her, meine Befindlichkeit ist nicht werbewirksam, ich kann nicht demonstrieren für mehr Rechte. Ich teile mich ja niemandem mit und äußere mich höchstens über mein Unterbewusstsein in Form von Angstschreien, die meine Frau bereits aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieben haben.

Wolfgang Fink spricht aus, was niemand wahrhaben möchte. Was man in der Öffentlichkeit lieber verschweigt. Er entblößt ein System ebenso schonungslos wie sich selbst.

Der Roman verarbeitet Erlebnisse und Erfahrungen während meiner vierzigjährigen Unterrichtstätigkeit an Gymnasien.

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Rezension Michael Kreisel – Inkulutra

Buchkritik — Rose Kleinknecht-Herrman — Frust, Revolte und Normalität

Das bundesdeutsche Schulsystem erfuhr Ende der 60er und in den frühen 70er Jahren eine dramatische Veränderung. Geschuldet und initiiert von der sog. 68er Bewegung, die vollkommen mit den derzeit angewandten pädagogischen Methoden brach und anstelle deren das Konzept der Beliebigkeit setzte, das Werte wie Disziplin, Gehorsam und Leistung als postfaschistisch erklärte, um diese durch das Konzept des Anti-Autoritären zu ersetzen. Zeitgleich unterlag die Familie ebenfalls einer einschneidenden Umbildung. In der Ideologie der 68er Bewegung galt diese als Keimzelle des Faschismus und (väterliche) Autorität als zutiefst reaktionär.

Aufgrund der durch den Nationalsozialismus verübten Verbrechen und der totalen Diktatur war die Gesellschaft des 60er und 70er Jahre bemüht, diese Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Das passte es gut, dass in der jungen Bundesrepublik das „Wirtschaftswunder“ ausbrach und der Zeitgeist sich materialistisch-ökonomischen Zielen zuwenden konnte – und u. a. das Feld der Pädagogik linken Ideologen überließ.

„Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“ von Rose Kleinknecht-Herrman erzählt aus der Perspektive eines Pädagogen, der leider nicht, um es mit den Worten eines ehemaligen Bundeskanzelers auszudrücken, „die Gnade der späten Geburt“ erfuhr, den Generationenbruch und die Zäsur in Bezug auf gesellschaftlich-historische Kontinuität, deren Auswirkungen auf das politische System der Bundesrepublik bis heute spürbar sind.

Fink ist ein Mann, der zwischen den Generationen steht und permanent versucht, seine Werte und sein Fach – Geschichte – einer im Grunde desinteressierten Schülerschaft zu vermitteln. Er leidet daran, dass er seine Vorstellung eines, für seine Schüler erfolgreichen Unterrichts nicht realisieren kann und zieht sich in die innere Emigration zurück. Er ist bemüht, das in wohl allen Schulklassen vorhandene Potential an Disziplinlosigkeit, Faulheit und unbotmäßigem Benehmen zu ignorieren, doch psychisch leidet er mehr und mehr unter den Zuständen, die er nicht ändern kann und sie irgendwann resignierend als Normalzustand betrachtet.

Sein Beruf hat ebenfalls Auswirkungen auf sein Privatleben, denn auch hier gerät er zunehmend in die Isolation angesichts der Fortsetzung seines Schulalltags in Form seiner beiden Kinder, die sich in der gleichen Altersstufe befinden, wie seine Schüler. Auch von seiner Ehefrau entfremdet sich Fink zusehends, da beide es im Lauf der Jahre aufgegeben haben, ihre Sprache und ihr jeweiliges Weltverständnis zu synchronisieren. Solange die Fassade bürgerlichen Lebens nach außen gewahrt bleibt, ist die Welt jedoch scheinbar in Ordnung.

Der Leser kommt, zumal wenn er in den 70er und 80er Jahren die Schulbank drückte, nicht daran vorbei, auf seine eigene Schulzeit zu rekurrieren. Da gab es, wie Fink manchmal etwas larmoyant erzählt, die jungen, dynamischen, frisch von Universität gekommenen Lehrer, für die alle Kollegen, die die zwölf Jahre Nationalsozialismus erlebt haben, „untragbar“ und „altes Eisen“ sind, das am besten im Orkus pädagogischer Geschichte aufgehoben wäre. Mit ihm, dem neuen Typus Lehrer, fand dann auch der Bruch der Generationen statt, der sowohl schulische Leistung als auch höflichen Umgang miteinander als verdächtige Tugenden desavouierte und ein „alles ist erlaubt“ als pädagogischen Stein der Weisen postulierte. So erinnert sich der Rezensent besonders eines Lehrers in seiner Schulzeit, der nicht müde wurde, seine Schüler darauf hinzuweisen, dass diese jederzeit ihre Eltern verklagen können…

Schule ist, so konstatiert Fink ernüchtert, nur noch eine unbequeme Zwischenstation auf dem Weg zum Studium eines finanziell lukrativen Berufes und deshalb wird um jeden Punkt und jede Zensur gestritten. Wo der Intellekt oder der Fleiß nicht ausreicht, kommen die Eltern ins Spiel, die, stellvertretend für ihre Kinder, das – ältere – Lehrerkollegium unter den Generalverdacht des Unzeitgemäßen und des ewig Gestrigen stellen.

Wolfgang Fink hat aufgegeben. Er hat sich, als Lehrer korrekt verhaltend, als Mensch eher unsympathisch, in eine Position manövrieren lassen, die ihm nahezu keinen Spielraum lässt für persönliche Veränderungen. Die einzigen, die ihm möglich scheinen, finden ausschließlich in seiner Phantasie statt. Fink ist und bleibt ein Einsamer, der an den Umständen gescheitert ist.

„Frust, Revolte und Normalität“ ist ein Zeit- und Sittengemälde bundesrepublikanischer Verhältnisse des späten 20. Jahrhunderts. Einstmals gültige und funktionierende Leitbilder wurden von einer neuen Generation Pädagogen beiseite gewischt, an deren Stelle jedoch nur endlose „Reformen“ und eine ideologisierte Pädagogik traten, deren Orientierungslosigkeit und letzendliches Scheitern wir heute fassungslos beobachten müssen.

Vielleicht sollte man, der Rezensent weiß, dass das ein Desiderat bleiben wird, anstelle Goethes „Die Leiden des jungen W.“ den Roman von Rose Kleinknecht-Herrman „Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“ in den Lehrplan aufnehmen.

Meine Bewertung: *****

Veröffentlicht am 6. Oktober 2016

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